Politik

USA und Frankreich beginnen den Abzug aus Afghanistan

Der US-Präsident Obama hat in einer Rede vom Mittwoch seine Absicht bekundet, konkret Truppen aus Afghanistan abzuziehen, gleiches hat auch Frankreichs Präsident Sarkozy verkündet, damit wird klar, dass der Abzug aus Afghanistan endgültig Formen annimmt. Der gesamte NATO-Einsatz soll bis 2014 beendet werden, für die Stabilität sollen afghanische Sicherheitstruppen (Armee und Polizei) die Verantwortung übernehmen. Das selbsterklärte Ziel einer Errichtung demokratischer Verhältnisse in Afghanistan scheint nicht mehr erwähnenswert, zu mindestens verlor Obama kein entsprechendes Wort über diese Art von Absichten, vielmehr dürfe Afghanistan zukünftig keinen Rückzugsort für Terroristen darstellen. Ob auch dieses Ziel erreicht werden kann, scheint angesichts der reellen Verhältnisse vor Ort kaum möglich.

Afghanistan- Invasoren waren niemals Willkommen

Schon in der Vergangenheit war das zerklüftete Afghanistan für ausländische Invasoren kaum beherrschbar, die Herrschaft Alexander des Großen, und im Mittelalter die Herrschaft der Seldschuken stellten nur kurze Perioden dar, ansonsten regierten regionale Fürsten und Clans das Land. Im ausgehenden 20. Jahrhundert stellte Afghanistan einen strategischen Punkt dar, hier lag ein mögliches Einfallstor für das russische Zarenreich gegen das britische Juwel Indien (der einzigen gewinnbringenden Kolonie des britischen Imperiums) dar. Deshalb versuchten die Briten Afghanistan in drei Kriegen (1839-1842, 1878 und 1919) zu unterwerfen. Nominell übten sie während dieser Zeit die Herrschaft über Afghanistan aus, in der Realität mussten die Kolonialherren auf gleicher Augenhöhe mit afghanischen Regionalherrschern verhandeln, anders als im riesigen Indien, wo sie nach Gutdünken und mit einer gewissen Arroganz herrschen konnten. Nach 60 Jahren voller Kriege musste Großbritannien Afghanistan in die Unabhängigkeit entlassen. Bis 1973 war Afghanistan eine Monarchie, nach einem Putsch galt Afghanistan als Republik. So kam es erneut 1978 zu einem Putsch, in dessen Folge der Vorsitzende der Demokratischen Volkspartei Afghanistans, Taraki (der seinerseits kurz darauf weggeputscht wurde) die Macht übernahm. Nach anfänglich zögerlicher Haltung trat die Sowjetunion in den aufkommenden Bürgerkrieg mit ein, allein im Jahre der Machtergreifung der Volkspartei gründeten sich über 30 Mudschaheddin-Gruppen. Genau diese Widerstandsgruppen erhielten große monetäre und logistische Unterstützungen aus den USA, Saudi-Arabien und Pakistan. Der Konflikt geriet zum Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Großmächten. Nach dem Abzug der Sowjettruppen 1989 gerieten die einzelnen Fraktionen, die einst gegen die Sowjetunion vereint waren, in einen Krieg um die Verteilung der Macht. Dieser hielt bis 1996 an, bis die Taliban (einst aus den Koranschulen aus Pakistan) Kabul erobern konnten. Trotz massiver Unterstützung aus Pakistan (welches ein doppeltes Spiel spielte) konnten die Taliban zwar einen großen Teil der Staatsfläche erobern, aber nicht die nördlichen Regionen unter der Herrschaft Massouds (so genannte Nord-Allianz). Nach den Anschlägen vom 11. September gerieten die Taliban in den Fokus der USA, da sie der Al-Kaida Unterschlupf und Unterstützung boten. Seitdem befindet sich die ISAF (und andere NATO-Einheiten) vor Ort und hat jetzt schon die Besatzungszeit der Sowjets eingeholt, obschon seit 2002 eine afghanische Zentralregierung in Kabul sitzt, die aber kaum außerhalb der Millionenstadt über Einfluss verfügt. Stattdessen etablieren sich einzelne Clans und Fraktionen, die Aufständischen, gemeinhin als Taliban bezeichnet, verfügen nicht über eine zentrale Lenkung.

Afghanistan- ein Land voller Gegensätze

Im Staate Afghanistan werden 49 Sprachen gesprochen, dazu kommen noch über 200 regionale Dialekte. Amtssprache ist Paschtu, doch die eigentliche Verkehrssprache ist Dari (eine persische Sprache). Zu den unterschiedlichen Sprachen gesellen sich verschiedene Ethnien, die Paschtunen stellen dabei die größte Volksgruppe dar (unterschiedliche Quellen besagen 30 % bis 50 % Bevölkerungsanteil). Daneben stellen Tadschiken (die keine heterogene Bevölkerung darstellen), Hazara, Usbeken und Turkmenen größere Gruppen dar, daneben existieren kleinere Gruppierungen. Zudem wird die afghanische Gesellschaft durch die verschiedenen Fraktionen (politisch) und Clans (im traditionellen Sinne) atomarisiert. Zu den gesellschaftlichen Differenzen gesellen sich zudem topographische und ökonomische Unterschiede. Zum einem ist Afghanistan zu 90 % mit Gebirgen bedeckt, was eine außerordentlich zerklüftete Topographie zur Folge hat, mit Rückzugsmöglichkeiten für Aufständische. Auf der anderen Seite sind  gerade einmal 6 % der Fläche für die Landwirtschaft nutzbar, dennoch arbeiten in diesem Sektor knapp zweidrittel aller Afghanen. Der größte Exportschlager hierbei ist der Schlafmohnanbau, Afghanistan ist mit Abstand der größte Produzent an Opium (und Derivaten) auf der Welt. Mit den Gewinnen werden die Waffenkäufe der einzelnen Fraktionen finanziert. Ein weiteres Problem, sobald die Counter Narcotics Police of Afghanistan ein Feld vernichtet und damit die Lebensgrundlage des Bauern vernichtet, bekommen die Aufständischen deutlich mehr Zulauf. Zur Verwüstung der letzten 30 Jahren kommt die Tatsache noch hinzu, dass vor kurzem bedeutende Lagerstätten von Metallen und Erdöl aufgefunden wurden, dies weckt noch mehr Begehrlichkeiten von außen.

Afghanistan- im internationalen Spannungsfeld

Nördlich von Afghanistan liegen die ehemaligen Sowjetrepubliken Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan. Hier werden islamistische Terror-Zellen Ambitionen aus Afghanistan mit Waffen beliefert, was die Stabilität in ganz Zentralasien gefährdet. Im Westen liegt der Iran, eine Regionalmacht mit deutlichen Ambitionen. Zudem führt sich der Iran als Schutzmacht für die schiitische Minderheit in Afghanistan auf. Im Süden von Afghanistan liegt wiederum Pakistan, auch eine Macht mit Geltungsmacht. So wurden die Taliban hautsächlich aus Pakistan unterstützt, und Pakistan will kein starkes Afghanistan an seiner Seite dulden. Des Weiteren grenzt Afghanistan an China, welches ökonomische Interessen (an den Erzlagerstätten) aufweist. Zu dieser Runde gesellen sich die USA, die nicht nur einen vermeintlichen Kampf gegen den Terrorismus hier führen, sondern auch geopolitische und ökonomische Interessen verfolgen. So lässt es sich vielleicht auch erklären, warum im Rahmen des ISAF-Einsatzes 47 Nationen ihre Truppen im Afghanistan einsetzen. Bei dem Mosaikgebilde Afghanistan ist es ein Leichtes, einzelne Fraktionen gegeneinander aufzuhetzen, um eigene Ziele verfolgen zu können.

Afghanistan- für immer ein „Failed State“ ?

Die Befürchtung vieler Militärexperten besteht darin, dass aufgrund der geschilderten Tatsachen Afghanistan auf Jahre keine funktionierende Zentralregierung bieten könnte. Im zerklüfteten Afghanistan,  gleichzeitig dem größten Waffenmarkt der Welt, ist es für Splittergruppen einfach, sich in ein zurückgezogenes Tal zu verschanzen und eine militärische Ausbildung anzubieten. Das vom Bürgerkrieg gezeichnete Land kann aber nur dann wirtschaftlich prosperieren, wenn eine gewisse Stabilität garantiert werden kann. Auf der anderen Seite ist nirgends die Lage der Frauen so brenzlig, wie in Afghanistan. Bildlich gesprochen, erst brocken die USA und ihre Verbündete sich die Suppe ein, und lassen diese von der örtlichen Bevölkerung versalzen und dann auslöffeln.


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